Von Holland nach Hause - Die 2. Etappe

Es ist ein wunderschöner Spätsommer-Samstagmorgen mitten im Oktober und de Skipper und syn Frou kommen endlich nach Deventer, um mit mir die zweite Etappe Richtung neuer Heimat zu starten. Ich habe sie ehrlich gesagt wirklich vermisst. Sie mich aber wohl auch, denn nur wenige Minuten nach der Ankunft geht es schon los. Die Ijssel hoch Richtung Zutphen, unserem nächsten Hafen.

Die vor uns liegende Strecke ist relativ kurz und so kommen wir zeitig dort an. Zutphen ist der Heimathafen meines Freundes Klemmen-Christian und seiner Vonni. Meine Leute verabreden sich für den Abend zu riesigen Portionen Spare Ribs und ´n paar Bierchen und man kann mit Fug und Recht sagen, dass dies mit Abstand die beste Idee ist, denn seien wir ehrlich ... in Zutphen hätte selbst ich mich, festgemacht am Steg, zu Tode gelangweilt ... aber ruhig ist es hier. Schön ruhig. Sehr ruhig.
Tschüss Christian und Vonni - wir freuen uns darauf, euch wiederzusehen!

Die Ijssel ist echt tückisch. Sie sieht so nett und harmlos aus, aber sie hat es faustdick hinter ihren Strömungs-Ohren. Satte vier Kilometer Strom gegen uns schon vor dem Frühstück. Und mit jedem Kilometer zu Berg wird es, nicht nur gefühlt, mehr. Ziel der heutigen Etappe ist Giesbeek, ein Hafen in einem Naherholungsgebiet, entstanden aus einer Kiesgrube. Eigentlich volle 32 Stromkilometer zu Berg, aber bei Doesburg gibt es eine "Abkürzung", tatsächlich eine Begradigung, die den Vorteil hat, dass die Entfernung auf der längeren ursprünglichen Strecke gemessen wird. Von 22 Restkilometern direkt auf 18 - Yippiehh, ne gute halbe Stunde gespart!
Der Hafen von Giesbeek ist idyllisch; versteckt in einer Ecke des Sees gelegen, machen wir am äußeren Steg fest und de Skipper und syn Frou entspannen bei erneut tollem Wetter auf dem Achterdeck und genießen die einmalige Stimmung während des Sonnenuntergangs. Und ich hätte ehrlich gesagt nie gedacht, dass das endlose Geschnatter unzähliger Gänse so entspannend und einschläfernd sein kann ... schlaft schön ihr Zwei ... ich pass auf euch auf ... m
orgen wird es aufregend genug werden!

 

Der nächste Morgen beginnt mit einem ausgiebigen 120 Liter Diesel-Frühstück für mich. Die nächste Etappe ruft. Der Rhein.
Südöstlich von Arnhem mündet die Ijssel zunächst in den Nederrijn, der mit dem "richtigen" Rhein durch den Pannerdensch Kanaal verbunden ist. De Skipper und syn Frou sind gespannt. Dieser Teil des Rheins ist noch vergleichsweise harmlos. Die meist holländischen Berufsschiffe machen mir kleinem Flußbewohner das schwere Strömungsleben wirklich leicht und lassen immer deutlich ausreichend Platz beim Überholen (wie sehr sich das bald ändern wird, war mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst). Hartelijk dank en tot ziens.

De Skipper und syn Frou hatten für die kommende Nacht zwei Alternativen zur Auswahl, je nach Weiterkommen auf dem gefürchteten Rhein. Emmerich auf deutscher Seite oder Bijland kurz vor der Grenze auf holländischer Seite.
Aber der Niederrhein ist hier breit und so kann sich die Strömung verteilen und war zwar spürbar, aber mit etwa 5 km/Std gegenan, blieben uns gute 7 bis 7,5 km/Std Richtung Zielhafen Emmerich.
Ein sehr ordentlicher Hafen (man bemerkt, dass man wieder in Deutschland ist) in einem Altrhein-Arm, geschützt vor Wind und Strömung, nahm uns gerne auf und so genossen wir drei gemeinsam die Ruhe ohne dauerndes Motorendröhnen. Meine Leute bestellten für den Abend ein Taxi, fuhren in die Stadt (naja, was die hier so als "Stadt" bezeichnen ...) und schlenderten,
mit der untergehenden Sonne im Rücken, die ausgebaute Promenade  entlang zu einem wirklich sehr guten Restaurant. Nach dem Essen noch schnell in den Supermarkt um die Ecke, um das Nötigste für die kommenden Tage zu bunkern und dann kamen sie auch schon wieder ganz schnell zurück zu mir.

 

Von Emmerich nach Wesel! 37 Stromkilometer! Zu Berg! Und Kilometer um Kilometer nimmt die Strömung unerbittlich zu.
100 Meter pro Minute. 10 Minuten für einen Kilometer. 6 Kilometer pro Stunde. Und dies mit Vollgas.
Und die eben noch so nett erwähnten holländischen Berufsschiffer mit An- und Abstand entwickeln sich nunmehr zu meist rücksichtslosen, deutschen, R(h)einschiffern, die mich gnadenlos an die gefährlichen Buhnen drücken und so meine Leute und mich oft in echte Schwierigkeiten bringen. Und dies, obwohl das Fahrwasser des Rheins hier gut 600 Meter breit ist und ich wirklich kaum mehr als 10 Meter davon bräuchte. Aber die Dicken haben nunmal uneingeschränkte Vorfahrt und zeigen dies den Kleinen wie mir auch nur allzu gerne. Keine wirklich schöne Erfahrung.

Wesel selbst war wieder ein Altrheinarm-Hafen mit mehreren Steganlagen. Am Ende der kleinen Bucht liegt das Restaurant eines der Vereine dort. Die Terrasse zeigt nach Südwesten und die tiefstehende untergehende Sonne strahlt meinen Leuten wärmend ins freudige Gesicht. Spannend wird es mehrmals, als tieffliegende Segelflugzeuge im Landeanflug auf den direkt hinter der Terrasse liegenden Flugplatz zum Greifen nah an uns vorbeirauschen.

 

Die letzte Etappe nach Duisburg! Nochmal genau 40 Kilometer. Wir drei wissen, was heute auf uns zukommen wird.
Die ersten Kilometer sind Routine. Links am Ufer eine öde unendliche Fläche und rechts am Ufer eine andere unendlich flache Ödnis, nur selten jäh durchbrochen von grasenden Schafherden oder einsamen Treckern.
Und dann kommt Duisburg! Der größte Binnenhafen Europas.
Der Rhein wird enger, die Strömung wird stärker und der Schiffsverkehr nimmt dramatisch zu. Gewaltige Schubschiffe docken an
mittig im Rhein vor Anker liegenden riesigen Schubverbänden an und blockieren so fast das ganze Fahrwasser. Da kann so einem kleinen Schiffchen wie mir schon mal bange werden und auch ganz schön die Düse gehen. Aber mein Skipper und syn Frou sind da ganz cool und bringen uns sicher um die nächsten Rheinkurven. Wer etwas für Industriearchitektur und -ambiente übrig hat, kommt hier ganz bestimmt auf seine Kosten.
Wir drei fangen schon mal an zu zählen, denn wir wollen auf keinen Fall die Einfahrt in meine neue Heimat verpassen. Also aufgepasst! Hier eine Hafeneinfahrt am linken Ufer, dort ein Stichkanal am rechten Ufer, jetzt ein Abzweig zu einem anderen Hafenbecken ... und endlich. Bei Rheinkilometer 777 geht es in die Hafenzufahrt zum Duisburger Innenhafen. Nur noch zwei Kilometer tief in die Stadt hinein, durch eine letzte schmale Brücke, jetzt nur noch das Fluttor --- ENDLICH DAHEIM!!

 

Unsere neuen Nachbarn helfen dem Skipper und syn Frou beim Anlegen und wir drei sind heilfroh, wohlbehalten angekommen zu sein. Darauf einen kräftigen Anlegerschluck aus der längst gekühlten und schnell geköpften Pulle!

Geschafft!

 

Der Winter kann kommen.
Denn ich bin zu Hause.
Und freue mich darauf, euch bald von meinen neuen Abenteuern berichten zu können.

 

Und falls ihr euch jetzt fragt - Düsseldorf? Duisburg?

Ik ben een nederlands meisje.

Und eine waschechte Düsseldorferin.
Aber ich wohne in Duisburg.

 

Genieße das süße Leben an Bord!